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Sightseeing zur Villa des tunesischen Diktator-Clans PDF Drucken E-Mail
Manchmal stolpert man förmlich über Geschichte. Oder stolpert hinein. Völlig unverhofft traf ich im Tunesien-Urlaub 2012 auf die Spuren des arabischen Frühlings - in Hammamet, mitten am Mittelmeer. Revolution? Fand die nicht in den Zentren statt? Größtenteils schon, aber in diesem Fall eben auch in einer typischen Touristen-Hochburg. Dort hatte nämlich auch der Clan des Diktators Ben Ali einen Sommersitz. Und der ging in der heißen Phase des Frühlings 2011 in Flammen auf. Eine Reportage und Nachrecherche.

 Lauter Scherben und Marmorbruchstücke säumen den gefliesten Boden. Reste des doppelten Sicherheitsglases liegen am Eingang. Ruß bedeckt Decken und Wände, Unbekannte haben sich mit Parolen, Beschimpfungen und Initialen darin verewigt – „Gott kann besser tricksen. Euch ist der Sieg!“ Ein Blick auf die Treppe und ins Bad verrät: Hier herrschte vor kurzem noch Prunk pur, alles in feinstem Marmor. Alles zerschlagen.
Die Badewanne liegt draußen im Pool – in zwei Teilen neben vertrockneten Palmenblättern, Möbelfragmenten und Schutt. Von der überdachten Holzterrasse inklusive Bar auf der Ebene tiefer stehen nur noch verkohlte Gerippe. Das Haupttor zur Straße ist zugemauert, aber irgendwer hatte sich daneben durch die Mauer einen alternativen Eingang gesprengt. So sieht es aus, wenn sich ein Volk sein Eigentum zurückholt.
Der rund 40-köpfige Familienclan von Zine el-Abidine Ben Ali und seiner Frau Leila hatte einige Villen als Sommerresidenzen. Viele sind heute gesperrt, doch diese in der Rue de la Corniche des beliebten Ferienorts Hammamet, eine Autostunde von Tunis entfernt, entwickelt sich zur Touristenattraktion. Dort soll sich Ben Alis Neffe Sofiene die Zeit vertrieben haben. Praktischerweise liegt die Ruine direkt auf dem Weg von den zahlreichen Hotels zur Medina (Altstadt). Der Taxifahrer hält kurz an und zeigt nach rechts – „là-bas, la Maison de Ben Ali!“ Er sagt das voller Stolz, als wolle er ausdrücken: „Schaut, das ist unser Werk.“ Ein ausgehöhltes Mahnmal der zerstörten Diktatur.
Denn die Gebäudereste direkt am Strand sind Zeugnisse der ersten Tage im arabischen Frühling. Der Anfang, der einen demokratischen Flächenbrand in Nordafrika und im Nahen Osten ausgelöst hat. Niemand hat aufgeräumt, es sieht aus, als wäre der 13. Januar 2011 gerade gestern gewesen. Per Facebook hatten sich einige hundert, meist junge Tunesier verabredet – „heute Hammamet: Mit unserem Blut, mit unserer Seele, opfern wir uns für die Märtyrer.“ Polizei und Küstenwache schauten tatenlos zu, wie die Schar das Luxusanwesen plünderte, den Garten mit Motorrädern durchpflügte, ein Pferd „befreite“, die Geländewagen und das Haus in Brand setzte. Die Szene wiederholte sich später auf den anderen Anwesen der Ben Alis. In Hammamet brannten auch eine Polizeistation und mehrere Banken, als Rache für zwei getötete Protestler am Tag davor. Das Familienoberhaupt war zu diesem Zeitpunkt schon dabei, die Koffer zu packen – für die Flucht nach Saudi-Arabien am nächsten Tag.
Die Tunesier wollten endlich ein Ende der Korruption, der Bereicherung des Ben-Ali- und Trabelsi-Clans (Leilas Brüder), endlich wirtschaftliche Selbstbestimmung, freie Meinungsäußerung und wirklich demokratische Verhältnisse. Freiheit!
Die leben die Tunesier jetzt aus – Touristen mögen meinen, zuallererst im Straßenverkehr. Als auf dem Rückweg mehrere Fahrzeuge kreuz und quer stehend die Fahrbahn versperren, findet Taxifahrer Dakhil trotzdem eine freie Gasse. Nach dem dreifachen Slalom verkündet er: „Alle fahren durcheinander, das ist Demokratie!“ Er lacht und hebt seine rechte Hand einladend zum Abklatschen. Die Polizei kontrolliert häufig Autofahrer, aber offenbar nicht wegen der Verstöße gegen die Verkehrsordnung.
Das mit der wirtschaftlichen Freiheit haben sich die Tunesier in Hammamet allerdings anders vorgestellt. Die Diktatur haben sie hinfortgefegt – die Touristen erst einmal gleich mit. An vielen Strandabschnitten herrscht ziemliche Leere. Nur die großen vier- und fünfsternigen Hotels direkt am Strand, denen europäische Reiseveranstalter über rabattierte Preise Touristen übers Mittelmeer schaufeln, sind mittlerweile wieder voll belebt. Alle anderen Anlagen und vor allem Restaurants in zweiter Reihe bleiben aber leer. In Hammamets Medina mit all den kleinen Läden (Souks) verirren sich nur wenige Kaufwillige. Ganze Straßenzüge zwischen Medina und Hafenstadt Yasmine haben sich in Geisterstraßen verwandelt – mit verbretterten Fenstern, zugewachsenen Eingängen und herabhängenden Reklameschildern.
Mounir hat Glück, er vermittelt in den vollen Hotels wieder reichlich Quad-Fahrten ins Hinterland und Kinderabenteuer auf den Piratenschiffen. Aber er weiß: „Für die Leute draußen ist es schwer. Es kommen ja wieder einige Deutsche und Franzosen, die sich auch mal die Stadt anschauen, dort Geld ausgeben für Souvenirs.“ Von denen, die in ihren Inclusive-Hotels bleiben und dort ihren Wodka trinken, könnten die Landsleute nicht leben.

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Letzte Aktualisierung ( Montag, 19. November 2012 )
 
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